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Interview mit Hubert Buchberger
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28.Oktober 2017   Landesjugendorchester NRW

16 Jahre sind Sie jetzt beim LJO. Warum gerade „Ein Deutsches Requiem“ von Brahms als Abschlusswerk?

Ich könnte ganz einfach sagen, das Verdi-Requiem habe ich 2011 gemacht, dann fehlt mir noch das Brahms-Requiem. Aber das ist nur die halbe Wahrheit! Im Grunde sind es ganz persönliche Gründe, warum ich mir dieses Werk ausgesucht habe: Diese haben mit meinem 30 Jahre lang an den Rollstuhl gefesselten Vater zu tun. Ihn traf ich zufällig zwei Wochen vor seinem Tod im Jahr 1990, nach einer Aufführung des Brahms-Requiems in der Alten Oper in Frankfurt. Wir hatten mit unserem Quartett Aufnahmen im Saal der Deutschen Bank und waren zum Essen im gleichen Lokal wie meine Eltern. Bei dieser Gelegenheit sagte mein Vater zu meiner Mutter, dass er ihr dankbar sei, dass meine Mutter ihn mit klassischer Musik in Berührung gebracht hat. Meine Mutter war ganz überrascht, denn so etwas hatte er noch nie gesagt! Es war auch nicht seine Art, solche Dinge öffentlich zu sagen, im Grunde war mein Vater damals schon lange von seiner schweren Krankheit, einer Multiplen Sklerose, geplagt. Heute bin ich Vorsitzender des von meinem Vater 1967 gegründeten Behinderten-Selbsthilfe e. V., der einen Fahrdienst für Behinderte mit 12 Spezialfahrzeugen und 17 festangestellten Mitarbeitern betreibt. Wir haben im Mai 2017 unser 50-jähriges Jubiläum gefeiert.

 

Was bedeutet für Sie das Deutsche Requiem von Brahms?

Ich empfinde das Requiem von Brahms als im Grunde tröstliches Stück: Es geht schon los mit der Nr. 1, mit dem Text: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“, oder weiter: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Später heißt es in der Sopranarie: „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“, und weiter: „Ich will euch trösten, wie Einen seine Mutter tröstet.“ Diese Texte hat Brahms aus ganz unterschiedlichen Bibelstellen zusammengesucht, es gibt auch die anderen eindringlichen Stellen, z. B. das Bariton-Solo: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß.“ Aber Brahms hat meiner Ansicht nach den Schwerpunkt auf die Stellen gelegt, die Trost spenden sollen. Für mich ist dieses Requiem eines der schönsten Werke von Brahms.

 

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse mit dem Orchester?

Das waren viele schöne Erlebnisse, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Vielleicht sollten wir „La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ“ von Messiaen nennen, das ist sicher das schwierigste Stück, das ich jemals dirigiert habe, mit einer 10-stimmigen Chor- und einer riesigen Orchesterbesetzung. Dann erinnere ich mich besonders gerne an das Schönberg-, Berg- und Reger-Projekt, das waren alles Stücke zwischen 1908 und 1914, das war meine Programmidee, weil ich mich schon immer für diese extrem spannende Zeit interessiert habe und wir auch in unserem Quartett alle Schönberg- und alle Reger-Quartette gespielt haben. Abschließend wäre die sehr schöne und erfolgreiche Italien-Tournee mit Konzerten in Mailand, Padua und Toblach zu nennen.

 

Was ist die Besonderheit des Orchesters, wodurch zeichnet es sich aus?

Dass wir nie aufgeben, auch, wenn es mal eine schwierige Aufgabe zu lösen gilt!

 

Wie sind Sie zu dem Orchester gekommen?

Das ist ganz einfach: André Sebald ist schuld! Er hat mich während meiner Zeit mit dem hessischen LJSO kennengelernt, was ich von 1992-1996 geleitet habe, und hat da den Eindruck gehabt, wie er mir kürzlich erzählte, dass ich auch mit Bläsern „könnte“. So empfahl er mich dem LJO NRW...

 

Was kommt nach dem LJO?

Meine Frau und ich planen, dass wir während unseres Ruhestandes mehr Zeit mit unseren in Berlin, London und Hamburg lebenden Töchtern verbringen. Die Berliner Tochter ist Beleuchterin beim Berliner Ensemble, die zwei anderen Töchter sind Musikerinnen, eine ist Solocellistin beim Orchestra of the Age of Enlightenment in London, die jüngste Tochter ist Soloharfenistin an der Hamburger Staatsoper. Berlin, London und Hamburg sind zweifelsohne sehr attraktive Städte, in denen man auch etwas unternehmen kann, wenn unsere Töchter keine Zeit haben sollten.